WANN IST JEMAND SÜCHTIG?

Wann ist jemand süchtig?

Geschichten zum Einstieg:

"Sie hat sich völlig anders verhalten als früher"

Manchmal war meine Mutter unglaublich traurig, dann hat sie sich eine Flasche Wein aufgemacht, abends, wenn die anderen schon im Bett waren und mein Vater noch auf der Arbeit. Anfangs habe ich mir nichts dabei gedacht. Viele Leute trinken ja mal was, bei meinem Vater habe ich auch nicht gleich gedacht, dass er zu viel trinkt. Aber irgendwann wurde sie dann immer so komisch, wenn sie viel getrunken hatte. Dann hatte ich mal früher Schule aus, es war erst 11 Uhr oder so und sie hatte schon was getrunken. Das kam dann immer wieder nachmittags und am Wochenende vor, wenn mein Vater bei der Arbeit war. Manchmal habe ich dann meine Geschwister vom Kindergarten abgeholt, habe für sie gekocht und bin mit ihnen auf den Spielplatz gegangen.

Ich wollte meine Mutter mehr entlasten, weil ich das Gefühl hatte, dass wir Kinder ihr zu viel Arbeit machten und sie deswegen trinkt. Aber es änderte sich nichts. Mein Vater bekam zunächst von all dem nichts mit, er war ja nie da. Irgendwann fragte er mich dann mal, ob Mama manchmal zu viel trinke. Ich habe dann nein gesagt.

Irgendwann hat er es aber doch erfahren. Von dem Zeitpunkt an haben sich meine Eltern dann oft darüber gestritten. Es wurde aber nicht besser, eher schlimmer. Ich habe meine Mutter manchmal nicht mehr wiedererkannt. Sie hat sich völlig anders verhalten als früher, war nicht mehr so geduldig, ständig patzig und ich hatte das Gefühl, dass sie keinen Spaß mehr daran hat, mit mir und meinen Geschwistern etwas zu unternehmen. Ich wollte dann auch keine Freunde mehr mit nach Hause nehmen, aus Angst, dass sie merken könnten, dass meine Mutter etwas getrunken hat. Das war mir zu peinlich. Manchmal habe ich mir so große Sorgen gemacht, dass ich nachts nicht schlafen konnte.

Viel später dann hat meine Mutter mit mir geredet und mir gesagt, dass sie wohl wirklich zu viel Alkohol trinke. Und dass sie was dagegen machen möchte. Sie ist dann ins Krankenhaus gegangen und hat eine Entwöhnungstherapie gemacht. Jetzt trinkt sie schon seit Wochen nichts mehr. Sie macht wieder mehr für sich und irgendwie sehe ich sie auch wieder öfter lachen. Aber sie sagt auch, dass es ihr manchmal noch schwer fällt und sie nicht weiß, ob sie es schafft. Ich bin nur froh, dass sie sich Hilfe gesucht hat und irgendwie glaube ich schon, dass es bergauf geht mit ihr.

"Mein Vater hat seine Arbeit verloren und hängt immer zuhause rum"

Ich kann mich gar nicht daran erinnern wie es ist, einen Vater zu haben, der keine Drogen nimmt. Immer wieder macht er das. Meist am Wochenende, manchmal auch in der Woche. Früher als Kind habe ich schon gemerkt, dass etwas nicht stimmt, aber ich war noch zu klein, um zu verstehen, was mit meinem Vater nicht in Ordnung ist. Aber er war manchmal so abwesend, manchmal richtig unfreundlich. Ich hatte dann das Gefühl, dass er mich doch gar nicht lieb haben kann, wenn er so zu mir ist. Wenn mein Vater genervt von mir war, hat er mich angebrüllt. Meine Mutter schickte mich dann weg. Ich solle ihn lieber in Ruhe lassen, er sei so gestresst, hat sie dann gesagt. Und oft ist sie dann mit mir rausgegangen. Ich habe mich dann manchmal gefragt, ob ich eine Last für ihn bin. Hinterher hat er sich dann meist dafür entschuldigt, manchmal habe ich sogar als Trost ein großes Geschenk bekommen. Mich hat das trotzdem irritiert. Oft kam es vor, dass ich nachts nicht richtig schlafen konnte und dann morgens nicht aus dem Bett kam. Mit meinem Vater wurde es dann immer schlimmer: Er hat seine Arbeit verloren und hing dann immer zu Hause rum, wenn ich aus der Schule kam. Meine Mutter hat sich dann um alles gekümmert: Um mich, ums Geld verdienen und um den Haushalt…Das machte sie fertig. Sie hat ihm dann immer wieder gesagt, dass er damit aufhören soll und dass er alles kaputt macht. Aber es passierte nichts. Irgendwann hat sie dann zu ihm gesagt, dass sie das nicht mehr aushalten würde, dass sie jetzt geht und mich mitnimmt. Dann sind wir ausgezogen. Ich sehe meinen Vater jetzt manchmal am Wochenende. Oft passiert es aber, dass er einfach nicht kommt, obwohl wir verabredet waren. Und immer wieder verspricht er mir, dass er aufhören wird Drogen zu nehmen. Aber versucht hat er es ja doch noch nicht.

ICD-10 Kriterien der Sucht

„Süchtig“ sein oder auch Abhängigkeit bedeutet, dass man nicht darauf verzichten kann, bestimmte Substanzen, wie zum Beispiel Alkohol oder Drogen, regelmäßig zu sich zu nehmen. Sucht ist eine Krankheit, die den Abhängigen dazu bringt, andere, auch wichtige Dinge, in den Hintergrund zu schieben, um zum Beispiel den Alkohol oder die Droge einnehmen zu können. Sucht verändert den Menschen. Je nach Mittel sogar so sehr, dass er dann Dinge tut, die er sonst nicht tun würde und oft auch später bereut.

Zur Diagnose (Feststellung einer Krankheit durch einen Arzt) hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogenannte ICD 10-Kriterien festgelegt, von denen mindestens drei in den letzten 12 Monaten aufgetreten sein müssen, damit man entscheiden kann, dass jemand süchtig ist:

  • Es besteht ein starker Wunsch oder sogar zwanghaftes Verlangen nach Konsum, d.h. es besteht das Gefühl, nicht mehr ohne Alkohol oder die Droge auszukommen.
  • Es besteht eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums, d.h. wenn der Betroffene sich vornimmt, mit dem Konsum aufzuhören oder weniger zu konsumieren, gelingt das nicht unbedingt.
  • Das Auftreten eines körperlichen Entzugssyndrom, d. h. wenn das Suchtmittel weggelassen wird, sendet der Körper Symptome, z.B. Schlafstörungen, Unruhe oder auch Schmerzen aus. Sobald die Substanz wieder eingenommen wird, verschwinden diese Symptome wieder. In der Klinik bezeichnet man diese Zeichen auch als körperliche Entzugssymptome.
  • Gebrauch der Substanz, mit dem Ziel, Entzugssymptome zu mildern, und der entsprechenden positiven Erfahrung, d.h. der Betroffene hat die Erfahrung gemacht, dass die auftretenden Entzugssymptome gemildert werden oder ganz verschwinden, wenn die Substanz wieder eingenommen wird.
  • Es kann eine Toleranz nachgewiesen werden, d.h. die Menge, mit der der Betroffene begonnen hat, reicht nicht mehr aus, weil sich der Körper schon zu sehr an das Suchtmittel gewöhnt hat. Da das Bedürfnis im Vordergrund steht, eine gewisse Wirkung zu erzielen, steigert der Betroffene die Menge des Suchtmittels also immer weiter.
  • Andere Vergnügungen oder Interessen werden zugunsten des Substanzkonsums zunehmend vernachlässigt, d.h. der Konsum der Substanz steht im Vordergrund und es wird viel Zeit darauf verwendet die Substanz zu besorgen, sie einzunehmen oder sich von dem Konsum zu erholen. Familie, Freunde, Schule, Beruf oder Hobbys werden vernachlässigt.
  • Der Konsum wird trotz nachweisbarer eindeutiger schädlicher Folgen körperlicher, sozialer oder psychischer Art fortgesetzt, d.h. obwohl der Betroffene merkt, dass das Einnehmen der Substanz negative Folgen hat, macht er weiter.
  • Verstoß gegen gesellschaftliche Normen, d.h. dadurch, dass die Abhängigkeit so sehr im Vordergrund steht, ist für den Betroffenen wenig entscheidend, dass andere sein Verhalten missbilligen, beispielsweise schon morgens Alkohol zu trinken, eine „Fahne“ zu haben oder die Körperhygiene zu vernachlässigen.

Körperliche Abhängigkeit

Körperliche Abhängigkeit bedeutet, dass der Körper sich an eine Substanz so sehr gewöhnt hat, dass körperliche Entzugssymptome auftreten, wenn die Substanz nicht mehr genommen wird. Körperliche Entzugssymptome können zum Beispiel sein: Unruhe, Schweißausbrüche, Zittern, Schwächegefühl, Gliederschmerzen, Magenkrämpfe, Muskelzittern, Brechreiz, Kreislaufstörungen, Tränenfluss, massive Temperaturschwankungen, bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen mit schweren Krampfanfällen und Halluzinationen. Oft erreicht der körperliche Entzug schon nach 24-48 Stunden seinen Höhepunkt und dauert nur einige Tage an. Der Entzug und seine Symptome sind allerdings abhängig vom Suchtmittel sowie der Dauer und der Menge des Konsums.

Psychische Abhängigkeit

Psychische Abhängigkeit beschreibt das unwiderstehliche Verlangen nach einer Substanz. Trotz der negativen Auswirkungen, die mit der Sucht verbunden sind, wird die Entscheidung zugunsten des Suchtmittels getroffen. Der Betroffene glaubt, dass er die Substanz unbedingt braucht, um den Alltag zu bestreiten. Der psychische Entzug dauert oft Jahre. Psychische Entzugssymptome können zum Beispiel sein: Unruhezustände, Nervosität, Ängste, depressive Verstimmungen, Wahrnehmungsstörungen, Psychosen, Delirien oder sogar Selbstmordgedanken.

Online Beratung

Schreib uns